Der Blickwinkel

Politik/Wirtschaft/Gesellschaft: Luxusprobleme in den Industrieländern (MM) | Okt 15th 2008

Ein Blick in die taz und mein Morgen war dahin. Auf der Titelseite prangt eine große Statistik: Die Entwicklung der Hungerleidenden auf der Welt. Eine Kurve, steil wie die Eiger Nordwand.

Einmal mehr offenbart sich die ekelhafte, scheinheilige Politik der westlichen Welt. Laut taz ist die Zahl der Hungernden weltweit seit 2005 um knapp 10 % gestiegen – trotz der vollmundig zugesagten Hilfsmittel im Rahmen der Millenniumsziele der Vereinten Nationen.

Das alles wäre gar nicht sonderlich erwähnenswert, viel Vertrauen in die Beteuerungen der G8 sollte man nie setzen, das hat uns die Vergangenheit und die anhaltend katastrophale Lage in der dritten Welt gelehrt. Die Millenniumsziele sehen in erster Linie vor, die akute Armut in der Welt bis 2015 zu halbieren. Sechs Jahre nach dem Beschluss, und – viel wichtiger – nur noch sieben Jahre vor der selbst gesetzten Frist, scheinen die Ziele in weite Ferne gerückt, von den finanziellen Hilfsmitteln ist nur ein Bruchteil in die dritte Welt überwiesen, bzw. in Hilfsprojekte investiert worden.

Dabei ist ein Ende des Hungers gar keine Utopie, ganz im Gegenteil: Experten schätzen, dass man mit einem Investitionsvolumen von 30 Mrd. Euro den Hunger in Afrika endlich aus der Welt schaffen könnte. Und das ohne Almosen, sondern gezielte Unterstützung der Kleinbauern. Hilfe zur Selbsthilfe, das muss das Motto sein. Entwicklungshilfe… schön und gut, doch man muss darauf hinarbeiten, dass die dritte Welt endlich in ihre Unabhängigkeit entlassen wird.

Die Armutsstatistiken muten geradezu grotesk an, angesichts der milliardenschweren Rettungsprogramme der Vereinigten Staaten und Deutschland mit einem Gesamtvolumen von über 1,2 Billionen Dollar (!). Ein Bruchteil davon, und die Armut in der Welt wäre zu bekämpfen, Bauern könnten ihre Familien ernähren, jedes Kind könnte in die Schule gehen, Menschen hätten sauberes Wasser zu trinken, die hygienischen Verhältnisse würden endlich auf ein Niveau gehoben, das eigentlich keine Besonderheit sein sollte.

Für die Rettung eines kaputten Systems, das für die Armut auf der Welt verantwortlich ist, werden in Rekordzeit Programme verabschiedet, die um ein tausendfaches teurer sind, als alle Entwicklungshilfeprogramme der Welt. Es macht einen wütend, wenn man sieht, wie schnell plötzlich Geld da ist, um Banken zu unterstützen, deren Broker und Analysten mit ihren Spekulationen und Wetten die Lebensmittelpreise erst in so astronomische Höhen getrieben haben, dass Hungersnöte die zwangsläufige Folge ihres Handelns sein mussten.

Und kaum sind die Auffangprogramme und Bürgschaften für das Finanzsystem abgesegnet, jubeln die Börsen auf der Welt wieder. So schnell geht’s wieder los mit dem Handeln, dem Wetten auf Preisstürze oder -booms, und keine Rücksicht auf Verluste, Vater Staat springt schon in die Bresche, wenn’s mal wieder daneben geht. Und zur Not kürzen wir einfach die Mittel für die dritte Welt, die müssen ja langsam mal auf eigenen Beinen stehen.

Man kann nur hoffen, dass die Regierungen der Staaten sich jetzt bewusst werden über ihre Aufgabe: Der Finanzkapitalismus muss reguliert werden, ansonsten werden Krisen wie diese in immer kürzeren Abständen auftreten, und die Folgen nicht mehr zu begleichen sein. Kleinanleger müssen geschützt werden, für nicht mehr und nicht weniger sollen die staatlichen Bürgschaftsfonds herhalten. Ruinöse Banken, die mit ihrer Gier das Geld der Kunden verprassen, müssen in staatliche Hand gebracht werden.

Und vor allen Dingen muss man sich über seine Verantwortung bewusst werden: Wir reden von einer drohenden Rezession, vom Zusammenbruch unserer gewohnten Finanzwelt. Wir müssen uns vor Augen führen, wie dekadent und unsolidarisch diese Befürchtungen sind. Wir lamentieren über Luxusprobleme, niemand wird hier hungern müssen, weil wir nicht mehr so viele Autos exportieren werden wie bisher. Für die dritte Welt sind diese Gefahren real, täglich sterben tausende Menschen, weil sie nicht mal das Geld haben, sich eine Schüssel Reis zu kaufen.

Vom 17.10. bis 19.10. ist der Aktionstag der UNO mit dem Motto „Stell dich gegen Armut“, ein trauriger Zufall, dass er gerade in diesen Tagen stattfindet.

Ein Blickwinkel, der die Augen für die Armut öffnen soll…


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Über den Autor

Wir sind: Marcel, 22 Jahre alt, Student der Politischen Wissenschaft und Germanistischen und Allgemeinen Literaturwissenschaft an der RWTH Aachen, und Martin, 23, Student an der Uni Bonn mit dem Fach Politik und Gesellschaft.

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