Der internationale Finanzkapitalismus erleidet gerade eine riesige Blamage. All die Stimmen, die in der Vergangenheit Deregulierung und „Privat vor Staat“ als das Leitmotiv der Wirtschaft propagierten, verstummen plötzlich. Die Banken schreiben Milliardenverluste, Kleinanleger verlieren wegen der Leichtfertigkeit von Brokern ihre Ersparnisse, die tolle Art, mit Teilhaberschaften das schnelle Geld zu machen entpuppt sich als Luftblase, die mit den jüngsten Ereignissen schneller und unvorhergesehener geplatzt ist, als es viele erwartet hatten.
Prompt fällt den Verfechtern des freien Marktes ein im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig guter Plan ein, wie man das System wieder auf die Beine stellen kann, das sich gerade erst selbst entlarvt hat und zu zerbrechen droht. Ein alter Bekannter erscheint da wie das Licht am Ende des großen, dunklen Kapitalismustunnels: Vater Staat.
Die US-Regierung möchte einen Fonds mit 700 Mrd. Dollar eröffnen, um Spekulations- und Anlageverluste der großen Banken auffangen zu können. Steuergelder selbstverständlich. Denn dazu sind sie ja da, die Steuern: Verluste von geldgeilen, rücksichtslosen Finanzjongleuren weniger schlimm zu machen. Die freie Marktwirtschaft hat uns doch all den Wohlstand gebracht, selbstverständlich weltweit. Das muss doch geschützt und honoriert werden.
Dieses Vorgehen spielt den internationalen Finanzkapitalisten nur in die Hände: Man bettet sie auf Rosen und bestätigt sie in ihrer falschen Politik: Gewinne privatisieren, Verluste zivilisieren.
Vielleicht sollte George W. Bush und sein Finanzminister lieber einmal darüber nachdenken, wie man die vielen Obdachlosen von den Straßen holt, oder wie man ein vernünftiges Gesundheitssystem aufbaut, in dem jeder Mensch gleich welcher finanzieller Situation eine Versorgung erhält, die einer „Great Nation“ würdig wäre. Stattdessen greift die „Great Nation“ dem korrupten und kaputten System unter die Arme, das für die vielen Notleidenden, die Ghettos, die Armut und hohe Kriminalität in den USA und auf der ganzen Welt verantwortlich ist. Toller Plan.
Und die Schizophrenie geht noch weiter: Einige angeschlagene Banken und Versicherungsgesellschaften sollen teilweise oder ganz verstaatlicht werden. Und plötzlich scheint es, als seien die USA die Vorreiter der Regulierung der Märkte, ihr Modell eines Auffangfonds bewerben sie in der ganzen Welt und suchen Unterstützer für ihre Politik. Und so selten ich ein gutes Wort an unserer Kanzlerin verliere: Mit ihrer Absage an dieser zum Scheitern verurteilten Politik hat sie im Sinne der Bevölkerung und der Gerechtigkeit in der Wirtschaft gehandelt und einmal die guten Beziehungen zu den USA hinten angestellt, was ein Lob wert ist.
Die ganze Situation erscheint grotesk, die Verfechter des Kapitalismus drehen sich im Angesicht der Katastrophe wie das Fähnchen im Wind.
Die Amsterdamer Zeitung de Volkskrant findet einen passenden Kommentar: „Der vielumjubelte Markt schafft es also nicht. Das ist schon ein faszinierender Anblick: Die Vorkämpfer des freien Marktes, die sich nun, wo es schief geht, an der Staatskrippe drängeln.“
Der Untergang des Kommunismus kam unerwartet und mit einem Donnerschlag, und in der Ferne hört man es schon grummeln. Der alte Marx hatte vielleicht doch Recht…
Ein Blickwinkel der sagen will: „Haben wir’s nicht schon immer gewusst?“…
Tags: banken, börse, fonds, Kapitalismus, krise, privat, spekulation, staat, usa, Wirtschaft
UPDATE: Der US-Senat hat den 700 Mrd. Dollar Fonds abgelehnt und damit der Regierung eine herbe Niederlage beigebracht.
Kommentar von MM — September 23, 2008 @ 11:18
soll das etwa heißen das der kleine mann ausnahmsweise mal nicht die fehler der oberen ausbügeln muss? – darf man begeistert sein, oder wird nicht doch noch ein 2. und 3. versuch, diese idee unter zu bringen unternommen? so ganz kann sich bei mir noch keine begeisterung einstellen.
Kommentar von kuschelpunker — September 24, 2008 @ 12:04
Das wird sich noch zeigen… auf jeden Fall formiert sich eine Opposition gegen das Projekt und nicht nur außerhalb Amerikas, sondern sogar in den Reihen der Republikaner. Vielen dämmert vielleicht langsam etwas.
Kommentar von MM — September 24, 2008 @ 1:26
Ich würde Merkel nicht so vorschnell loben. IKB schon vergessen?
Wenn die Kanzlerin jetzt gegen die USA opponiert, dann wohl nur um ihr oberstes Ziel, den „ausgeglichenen Staatshaushalt“ zu retten. So lange die Finanzblase noch am wachsen war, hat auch die Kanzlerin mit dafür gesorgt, dass diese Plage auch in Deutschland einfallen kann. Jetzt will sie davon natürlich nichts mehr wissen. Man kann ganz gut von sich selbst ablenken, wenn man nur andere beschuldigt.
Kommentar von bravo56 — September 24, 2008 @ 9:35
Eine Frechheit ist das dem kleinen Mann gegenüber, dass jetzt mit Steuergeldern die Verluste der Banken aufgefangen werden. Das sieht ja hier vor Ort mit der WestLB nicht anders aus. Aber da die meisten Menschen die nicht gerade BWL studiert haben es schwer haben die ganze Krise zu erfassen bleibt ihnen nichts anderes übrig als brav zu nicken.
„Haben wir es nicht schon immer gewusst..“ ?
Ja das haben wir und ich hoffe das war nicht die letzte Niederlage des hochgelobten Kapitalismus der nicht nur Verlierer in der Dritten Welt und der Arbeiterklasse schafft sondern endlich auch da seinen Abgrund zeigt wo er lange gelobt und geadelt wurde nämlich in der hohen Ebene der Weltwirtschaft…
Der Kommunismus hat vor 18 Jahren verloren schien es und keine Kraft mehr dem ungezügelten Kapitalimus entgegenzuwirken, doch ein Model in dem der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt steht scheint endlich wieder Chance auf einen Durchbruch zu haben. Die gegenwertige Krise muss genutzt werden um das Bild einer freien und gerechten,sozialistischen Welt endlich aus der Schmuddelecke zurück ins Bewusstsein breiter Teile der Bevölkerung zu holen.
Kommentar von Fabian — Oktober 6, 2008 @ 8:39